Finanzkrise. Preise für Übersetzungen senken?

In den letzten Wochen sind uns mehrfach Schreiben, wie das nachfolgend zitierte von österreichischen und deutschen Übersetzungsagenturen, für die wir mehr oder weniger regelmäßig arbeiten, zugegangen.

Was sagen wir dazu? Sind unentschlossen, tendieren aber zum Nein.


Dear Partners,

As you may know, the financial crisis has left its mark on us as well.
Our customers are constantly asking for lower prices. Therefore the margins for buying and selling are very tight.

As we need to stay competitive in the future, we would like to arrange new purchase prices for translations with you and change them starting in January 2009.

So far we had an agreed purchase price of € 0,85 with you. We would like to ask you to reduce your price by € 0,05 which would be a total of € 0,80.

Kindly advise us if we will be able to arrange a new price agreement with you.
Many thanks and kind regards.



11 Risposte a “Finanzkrise. Preise für Übersetzungen senken?”

  1. Monika SchmidtNo Gravatar:

    Ich bin der Meinung, dass unsere Tarife (Italien) bereits oft an der Schmerzgrenze liegen und werde sie daher nicht senken. Mein Entgegenkommen liegt darin sie nicht wie sonst üblich zum Jahresende zu erhöhen.
    Hoffe, dass auch die Kollegen in diese Richtung ziehen.

  2. Debard ClaireNo Gravatar:

    Das zitierte Beispiel erwähnt ein Preis von 0,85 €. Es ist aber extrem wenig, selbst für Agenturen – ich arbeite nicht unter 1 bis 1,1 € für Agenturen, dementsprechend würde ich es, wenn überhaupt, akzeptieren nur wenn die fragende Agentur mir schon gut bzw. sehr gut zahlt, wenn ich mich tatsächlich vorstellen kann, dass es für sie schwierig wird, aber nicht bei 0,85 €

  3. Peter G. BouillonNo Gravatar:

    Finanzkrise, naja.

    Meine Variante habe ich von einer besonders soliden, empfehlenswerten österreichischen Agentur erhalten. Hier übersetze ich hauptsächlich für einen bestimmten Endkunden, der die anstrengendsten Zeitrahmen setzt.

    Seit einigen Wochen soll ich für ihn Pressetexte übersetzen, die er sonntags, teilweise erst um 18 Uhr, einreicht und schon am Folgetag vor 9:30 Uhr wieder zurückerwartet. Meine Übersetzungen kommen inklusive einer
    internen Gegenkorrektur.

    Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dieser Kunde mit meiner
    Edel-Agentur außerdem noch über niedrigere Preise verhandelt und diese
    durchgesetzt hat.

    Vielleicht ist “Finanzkrise” heute die Jokerkarte zum Aushandeln von
    Sonderermäßigungen jeder Art. Ich weiß es nicht.

    Vielleicht werden nur die “teureren” Übersetzer angeschrieben. Oder
    vielleicht auch alle Übersetzer in der Kartei nach dem Schema: Wer es
    bisher für 11 Cent gemacht hat, macht’s vielleicht demnächst auch für
    10; wer es bisher für 7 Cent gemacht hat, macht’s vielleicht demnächst
    auch für 6. Schaun mer mal, Fragen schadet nicht.

    Sicher ist das auch ein Anlass, mal wieder eine ausgedehnte
    Akquisephase einzulegen und Unternehmensprofile in die Welt zu senden…

    Peter G. Bouillon
    IT-Übersetzungen FR>DE, ENDE

  4. BirgitNo Gravatar:

    Dirk,
    auch ich habe diese Bitte erhalten, aber aus Ungarn. Ich habe ganz bestimmt
    abgelehnt, bei der Agentur kam es mir so vor, als ob vorauseilender Gehorsam
    der Grund für die Anfrage war.

    Trotz Beharren auf meinem Preis habe ich auch danach weitere Aufträge erhalten – es gibt einfach keine zwingende Notwendigkeit, auf solche Bitten
    einzugehen. (Mein Bäcker gewährt mir auch keinen Nachlass, im Gegenteil – er hat erst vor kurzem die Preise erhöht.)

    Gruß
    Birgit

  5. RobNo Gravatar:

    My apologies for writing in English, but I just don’t have the time
    at the moment to craft an elegant reply in German :-)

    Something similar came up recently in the gldlist, the Yahoo group
    for the ATA’s German Language Division. The issue there was actually
    more to do with **increasing** prices. This is what I wrote:

    [start of quote]“A lot of German companies have had a rough year,
    and things ain’t going to get any better here in Germany for a
    while. And with Germany being late-cyclical, it will still be
    difficult here while countries such as the United States are on the
    road to recovery. Additionally, at a seminar I attended in London
    last week, several CFOs and heads of corporate finance at listed UK
    PLCs suggested to me that the downturn in the UK is likely to last 4
    to 5 years, so the pain certainly won’t be spread evenly…

    As far as your German client is concerned, it’s probably the case
    that they won’t accept price rises from professional service
    providers if their own workforce is making sacrifices on the pay
    front. Even the wage agreements have been *much* more modest than
    what the unions originally planned (e.g., the IG Metall-Abschluss).

    I say that because the message we’re getting from our (direct)
    corporate clients is that there’s no room for translation price
    increases at the moment, period, and we should consider ourselves
    lucky that they’re not asking for reductions. I think this message
    needs to be understood clearly by translators working for German
    clients directly or indirectly: Nobody’s going to accept a price
    increase from a translator while they themselves are being expected
    to make concessions on pay and conditions.

    It doesn’t mean that your client won’t pay you, of course, just that
    they won’t pay you *more*, and may pay you a little later than
    usual.”[end of quote]

    Equally, though, I don’t see any significant pressure for price
    reductions coming from the end clients. We’ve only had one request
    so far, so we adjusted our hourly rate downwards slightly, at the
    same time pointing out that the client holds the reins on most of
    this hourly-charged work: for example, the fewer changes they send
    to texts, the less time we have to spend working those changes into
    the translation. Most clients still seem to be acutely aware that
    good translators are very rare on the ground.

    I think that, by and large, any pressure on prices is coming from
    the agencies themselves, and has little or nothing to do with the
    financial crisis. My view in any case is that there are too many
    agencies chasing business in the market, rather than too many
    translators, so price pressure (and hence price competition) arises
    predominantly at the level of these “middlemen”, rather than at the
    demand or supply sides of the market. Certainly as things stand
    today, I don’t see any justification for translators to reduce
    prices for the quality of translations they deliver. And citing the
    financial crisis as a reason for cutting prices suggests incompetent
    management at the agencies, doesn’t it?

  6. SabineNo Gravatar:

    >> wir sind in den letzten Wochen mehrfach von österreichischen
    >> und deutschen Agenturen gebeten worden, unsere Preise zu senken.

    Ich habe bislang noch keine solche Anfrage bekommen. Wenn ich eine
    bekommen sollte, werde ich ein solches Ansinnen ablehnen.

    Peter:
    > Vielleicht ist “Finanzkrise” heute die Jokerkarte zum Aushandeln von
    > Sonderermäßigungen jeder Art.

    So sehe ich das auch. Dabei könnte man ja eher umgekehrt einen Schuh
    draus basteln: Die Finanzkrise ist zugleich eine Vertrauenskrise.
    Vertrauen schafft man u. a. durch gute Qualität. Gute Qualität hat
    ihren Preis.

  7. IngeNo Gravatar:

    Genau! Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Qualität kostet
    Geld, und das ist überall so, in jedem Bereich. Die Endabnehmer
    unserer Übersetzungen – zumindest in meinem Arbeitsgebiet (Recht =
    Anwälte und Rechtsabteilungen von Unternehmen) – wissen das auch,
    sehr oft aufgrund bitterer Erfahrungen, die sie mit “Billigware”
    machen mussten.

    Abgesehen davon steht zu befürchten, dass man auf den niedrigeren
    Preisen gegenüber der Agentur sitzen bleibt bis zum Sankt-
    Nimmerleinstag. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass die
    Agentur irgendwann in der Zukunft geneigt sein wird, die Preise
    wieder auf das vorherige Niveau zurückzuführen. Irgendetwas wird sie
    immer als Argument bringen, warum das gerade jetzt nicht geht – wie
    auf dem Immobilienmarkt, wo man immer gesagt bekommt, dass gerade die
    jeweilige Gegenpartei den besseren Markt hat …

    Das Vertrauen spielt in der (End)-Kundenbeziehung auch eine große
    Rolle, wie Sabine so treffend festgestellt
    hat: “Die Finanzkrise ist zugleich eine Vertrauenskrise. Vertrauen
    schafft man u. a. durch gute Qualität. Gute Qualität hat ihren Preis.”

    Rob weist uns auch immer wieder – und wie ich meine zu Recht -
    darauf hin, dass es Agenturen wie Sand am Meer gibt, wirklich
    qualifizierte Übersetzer jedoch eher Mangelware sind. Und das sollte
    sich jeder Übersetzer, der etwas auf sich hält, bei derart
    unverschämten Forderungen von gewissen Agenturen immer vor Augen
    halten.

  8. PeterNo Gravatar:

    > [die deutschen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in 2008 waren
    > schwierig und bleiben wohl auch die nächsten Jahre schwierig]
    > It doesn’t mean that your client won’t pay you, of course, just
    > that they won’t pay you *more*, and may pay you a little later
    > than usual.

    Das hört sich plausibel an; und ich persönlich habe auch nicht vor,
    meine Sätze für 2009 anzuheben.

    Die Sache läge vielleicht anders, wenn ich für Agenturen ungewöhnlich
    günstige Sätze ausgehandelt hätte, z.B. um als “neuer” Übersetzer
    überhaupt erst mal dazwischen zu kommen, und jetzt gerne auf
    “Marktniveau” kommen möchte.

    Wer übrigens in dieser besonderen Lage ist, dem würde ich anraten,
    lieber neue Agenturen zu angemessenen Sätzen zu akquirieren, als eine
    Agentur z.B. zu einer 25%igen oder 33%igen Preiserhöhung zu überreden,
    die sich an Billigsätze schon gewöhnt hat.

    > My view in any case is that there are too many agencies chasing
    > business in the market, rather than too many translators, so
    > price pressure (and hence price competition) arises predominantly
    > at the level of these “middlemen” rather than at the
    > demand or supply sides of the market.

    Dabei darf man aber nicht außer Acht lassen, dass die Agentur
    stellvertretend für den Übersetzer die Dienstleistung übernimmt,
    Aufträge zu “erjagen”. Wenn die Agentur nicht da wäre, müsste der
    Übersetzer das selber tun. Die Agentur ist nur deswegen im Geschäft,
    weil der Übersetzer diese eklige und zeitaufwändige Aufgabe nicht
    selbst übernehmen mag.

    So gesehen ist die Agentur kein Mittelsmann, sondern Dienstleister für
    den Übersetzer.

    Im Agenturgeschäft bilden Übersetzer und Agentur eine
    gleichberechtigte Symbiose. Die Agentur ist auf den guten Übersetzer
    genauso angewiesen wie der Übersetzer auf eine gute Agentur.

    > And citing the financial crisis as a reason for cutting prices
    > suggests incompetent management at the agencies, doesn’t it?

    Also ich sehe es so: Eine Agentur ist im Wesentlichen ein
    Übersetzungsvertrieb. Und genau wie ein guter Vertriebler nicht sofort
    bei den Preisen runtergeht, wenn der Kunde feilscht, sondern lieber
    seine Waren besser herausstreicht und die Nebenleistungen genau auf
    den Kunden zuschneidet, wird eine gute Agentur wohl ähnlich beim
    Vermarkten der Übersetzungen vorgehen.

    Wenn ein Vertriebler schlechte Preise macht, merkt er das sofort an
    seiner eigenen Provision. Bei Agenturen ist das ebenso.

    Nichts hält aber einen Vertriebler davon ab, mal von Zeit zu Zeit mit
    seinem Auftraggeber über bessere Provisionen zu verhandeln. Und somit
    kann man es Agenturen auch nicht verübeln, wenn sie manchmal sozusagen
    mit ihren Übersetzern über bessere Margen verhandeln.

    Wenn die Agenturen jetzt mit der Superjokerkarte “Finanzkrise”
    rausrücken, liegt das wohl vor allem daran, dass sie die grad zurzeit
    so schön auf der Hand haben.

    In vergleichbarer Situation, nämlich wenn die Sätze erhöht werden
    sollen, sind Übersetzer dafür bekannt, die Karten “Mieterhöhung” und
    “Lebensmittelkosten” zu zücken. Das geht jetzt in ähnlicher Form
    natürlich auch: die Karte “Öl- und Energiekosten” drängt sich zum
    Beispiel geradezu auf.

    Ich für meinen Teil werde aber lieber als Abwehr versuchen, meine
    individuellen Eigenschaften herauszustreichen, weswegen ich für die
    Agenturen ein besonders guter Geschäftspartner bin. Jeder Übersetzer
    hat da ja spezifische eigene Punkte, die er da nennen kann:
    Gesichtspunkte der Qualität, Verlässlichkeit, Verfügbarkeit,
    ungewöhnlicher Spezialgebiete, usw.

    Das dürfte m.E. noch am ehesten helfen.

  9. ReinhardNo Gravatar:

    Ich betreibe auch eine Agentur, aber ich bin trotz meiner
    persönlichen Finanzkrise – ich bin ein Geschädigter der Lehmänner – absolut nicht auf die Idee gekommen, deshalb nur noch niedrigere Preise seitens der Übersetzer zu akzeptieren. Wie schon Sabine ganz richtig schrieb, würde das auf die Qualität voll durchschlagen und der Ruf wäre schnell ruiniert – ein Ruf, den ich mir über viele Jahre mühsam aufgebaut habe… Da kann ich eigentlich nur Beifall klatschen, wenn sich die Konkurrenz selbst ins Abseits befördert – und deren Kunden dann vielleicht zu mir wechseln ;-)

  10. SabineNo Gravatar:

    Mein Hauptkunde, eine große Agentur in NY, die auch in Europa und Asien über Niederlassungen verfügt, hat begonnen, Übersetzungen zu “verauktionieren” nach dem Motto “Entschuldigung für die Massenemail aber wir haben hier einen Job,der schnell zu erledigen ist und unsere Budget is sehr niedrig.” Manchmal werden mir Jobs angeboten, die nur halb so viel bezahlen, wie von mir normalerweise verlangt wird und in der Datenbank des Kunden vermerkt ist – immer mit dem Hinweis, dass der Projektmanager einfach nicht mehr bezahlen kann. Manchmal wird angefangen zu handeln, wie auf einem Basar … es ist geradezu erniedrigend. Ich habe den Eindruck, dass diese Großagentur, bei der die Jobs von Vertretern auf Provisionsbasis eingeholt werden, um dann von Projektmanagern an Übersetzer weitergeleitet zu werden, Preis-Dumping auf dem Übersetzungsmarkt betreibt. Aus Loyalität zu meinen Kunden, die anständige Preise bezahlen und um als Übersetzer weiterarbeiten zu können, habe ich diese Jobs bislang ablehnt, aber anscheinend gibt es genug Übersetzer, die für Dumpingpreise arbeiten. Mir macht diese Entwicklung etwas Sorge, und ich frage mich, ob andere Übersetzer (Englisch-Deutsch) hier in den USA oder in Europa ähnliche Erfahrungen gemacht haben und tagtäglich machen.

  11. noltenolteNo Gravatar:

    @Sabine, das kannte ich noch nicht: “Verauktionieren”. Scheint mir aber ziemlich schlüssig. Wir haben 2008 auch von Agenturen (Schweiz und Österreich), die uns schon seit Jahren kennen, plötzlich vermehrt Aufträge zu einem festgeschriebenen Preis angeboten bekommen, die wir annehmen konnten oder eben nicht. Der Preis lag natürlich unter dem Preis, für den wir unsere Arbeit anbieten.



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