Vor ein paar Tagen habe ich den Auftrag angenommen, ungefähr das gesamte Tourismusangebot des Nordostens Italiens zu übersetzen. Von der Curling-Weltmeisterschaft in Cortina d’Ampezzo (interessant: Der einzige Ort der Welt, an dem es den speziellen Granit, aus dem der Stone, der Eisstock gemacht wird gibt, ist eine kleine schottische Vulkaninsel 10 Meilen vor der Küste von Ayrshire namens Alisa Craig) über den Treviso-Marathon bis zum Don Carlos in der Arena di Verona ist alles dabei: Ein Honig-Museum in der Po-Ebene (für ein Kilo Honig muss eine Bienenfamilie sechsmal um die Erde fliegen), die Lamon-Bohne, ein Colli Euganei Cabernet Doc zu Käse und Akazienhonig, ein braungebrannter Bademeister, dem die Haare in die Stirn fallen, und jede Menge hohles Gesülze der involvierten Tourismus-Assessoren.
Jedenfalls insgesamt 30 Texte, alle um die 150 Zeilen. Ich habe mir also einen bequemen Fahrplan ausgeklügelt, nach dem ich in aller Ruhe jeden Morgen 300 Zeilen übersetze (das Zeug schreibt man ja so runter), um pünktlich am nächsten Montag zu liefern.
Wenn ich mich morgens, nachdem ich meinen kleinen Legolas in die Schule gebracht habe, mit einer Tasse Tee vor den Bildschirm setze, lese und kommentiere ich natürlich erstmal die wichtigsten Beiträge der von mir abonnierten Blogs, die italienischen und manchmal auch die deutschen Nachrichten, sehe mir die Statistiken meiner Netzprojekte an, begrüße meine Twitter-Follower und werfe einen Blick in meinen Friendfeed, mein Facebook und vielleicht sogar in meine Postfächer. Danach öffne ich dann in einem zweiten Browser-Fenster so langsam schon mal die Datei, an der ich heute arbeiten wollte und das Set an Websites, Glossaren usw., das ich dafür brauche. Gerade geöffnet stoße ich auf den Tweet eines befreundeten Filmkritikers, der die Oscar-Verleihung erwähnt. Eigentlich interessiert mich kaum was weniger als Oscar-Verleihungen, aber diesmal war Mickey Rourke dabei; also kurz losgesurft und nachgesehen, was aus ihm geworden ist. Im nächsten Tweet desselben Followers dann auch noch der Hinweis darauf, dass Werner Herzogs “Mein Liebster Feind – Klaus Kinski” fast komplett auf YouTube steht. Ich koch mir also noch einen Tee und seh mir die ersten drei Teile an, sende zwischendurch immer mal eine unverzichtbare Statusmeldung an Twitter und witzel da ein bisschen mit meinen Leuten rum. Danach kehr ich nochmal zu der drei Stunden vorher geöffneten Arbeitsdatei zurück, um zu checken, was ich da noch vor mir habe, dann wird es auch schon langsam Zeit über das Mittagessen nachzudenken und bei der Gelegenheit noch schnell ein kleines Posting in meinem Küchenblog abzulegen.
“Kein Wunder ist das ja, dass wir an dem Hungertuch nagen”, sagt meine aktuelle Lebensabschnittsbegleiterin und Mutter eines meiner Kinder.
Montag werde ich jedenfalls den Kunden anrufen und versuchen, mit einem Festplattenschaden oder sowas durchzukommen.
Auch die Kollegin Gabriele Zöttl vom für Übersetzer und alle anderen, die mit der deutschen Sprache arbeiten, lesenswerten Über-Setzer-Logbuch äußert sich über das in der letzten Zeit häufig strapazierte, von vielen bereits zum Unwort gekürte Wort Prokrastination, das – und ich glaube, da irrt sie sich – “ein weiterer überflüssiger Anglizismus” sei. Das Wort Prokrastination entstammt dem lateinischen Procrastinatio (Aufschub) und war mir schon vor dem Web 2.0 geläufig. Im alten Rom wurde damit das Aufschieben von Aktionen, insbesondere im militärischen Bereich bezeichnet, die Entscheidung, nicht zu handeln, sondern abzuwarten und mal zu sehen, was passiert und wie die Dinge sich entwickeln.
Von einem Anglizismus kann also keine Rede sein, auch wenn das mit einem sich durch die explosionsartig anwachsende Anzahl an digitalen Freelancern radikal verändernden Arbeitsmarkt entstandene aktuelle Phänomen naturgemäß zuerst in den USA auftauchte.
Und überflüssig ist es auch nicht: Ihr müsst Euch mal ganz frankensteinmäßig im Halbdunkel vor Euren Kindern aufbauen und es mit aufgerissenen Augen ohne Vokale aussprechen PRKRSTNTN, die lachen sich tot. Meine jedenfalls.
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Das Buch zum Thema von Ingeborg Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig und Sascha Lobo bei Amzon kaufen:
DoingText wurde kürzlich auf dem Berliner Webmontag präsentiert. Regine Heidorn, Webdesignerin und CSS-Spezialistin war da und hat mich später zum Testen eingeladen*. Für mich und meine Art im Netz zu arbeiten ist DoingText genau das Richtige.

In das Fenster auf meiner Startseite kann ich Text kopieren, ihn online speichern, den Link verschicken und so zur Diskussion stellen. Kommentare sind schnell eingeworfen (dazu muss man sich nicht einmal einloggen!) und natürlich sehr inspirierend, weisen auf Schwächen und Lücken hin.
Ich habe in einem ersten Test ein paar Zeilen für ein in meinem Italienischen Küchenblog entstehendes Fischkompendium einkopiert. Diese wurden von Netzfreunden, an die ich den Link verschickt habe, kommentiert und ergänzt und um einen einleitenden Abschnitt bereichert, der die Tür für zwei weitere Texte öffnet. Keine Frage: Der Artikel wird so mit Sicherheit besser, als würde ich ihn alleine schreiben.
Bei Regine Heidorn, die die Sache ausführlicher beschreibt, lese ich, dass die Möglichkeit, Text nicht nur über copy&paste, sondern auch über einen Datei-Upload einzufügen geplant ist. Mir selbst fehlt noch die automatische Benachrichtigung via Email oder RSS, wenn mein Text ergänzt oder kommentiert wurde. Die wird aber sicher auch nicht lange auf sich warten lassen.
Für Übersetzer könnte diese Möglichkeit der Zusammenarbeit natürlich sehr interessant sein.
*Ich habe noch Einladungen zu vergeben. Bei Interesse per Email anfragen.
Das spektakuläre Video “Web 2.0 … The Machine is Us/ing Us” des US-amerikanischen Anthropologen Michael Wesch habe ich vor gut einem Jahr schon einmal verlinkt.
Inzwischen gibt es einige neue Videoprojekte, die Michael Wesch auf YouTube abgelegt hat.
Für Übersetzer interessant sind wahrscheinlich “A Vision of Students Today” und “Information R/evolution“.
Michael Wesch: A Vision of Students Today
[youtube dGCJ46vyR9o&hl=en&fs=1]
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Michael Wesch: Information R/evolution
[youtube -4CV05HyAbM&hl=en&fs=1]
Und dann gibt’s da noch Twitter.
Eccomi:
Da schießt man ab und an ein paar Sätze ab (die man sogar in seine Website importieren kann – siehe mal kurz hier; und dann gibt es Leute, die einem folgen (follower) und Leute denen man selbst folgt. Die finden sich auch wieder wie von selbst auf den schon in dem kurzen Beitrag über Xing beschriebenen Wegen.
Ganz interessant: Google Maps und Twitter haben sich für ein kleines Projekt zum Super Tuesday zusammengetan. Da wird von überall her zur Wahl getwittert und die Google Maps zeigen von wo. Schnelle neue Welt.
[Update 14.03.08: Die erste Twitter Station mit Webcam und Chat gibt es inzwischen auch]
Kleiner Hinweis auf das Blog SEO 2.0 und den gerade dort erschienenen, sicher auch für Übersetzer interessanten Artikel 20 ways to survive as a freelancer working on the web. Korrekter Hut. Korrekter Text: Tadeusz Szewczyk of onreact.com, Germany’s most notorious white hat SEO.
… oder besser: Als Tor der Welt zum User.
Funktioniert so:
StumbleUpon-Toolbar (Firefox, Internet Explorer) installieren, kostenlosen Account zulegen und Themengebiete angeben, aus denen die von StumbleUpon vorgeschlagenen Websites kommen sollen. Durch einen Klick auf die Toolbar-Schaltfläche “Stumble” ruft man sie auf, auf einer weiteren Schaltfläche kann man sie bewerten. Das Bewerten aktualisiert ein persönliches Profil und vernetzt so Nutzer, deren Profile Gemeinsamkeiten aufweisen.
Momentan handelt es sich bei den von StumbleUpon angebotenen Sites zwar noch zu 99% um englischsprachige, aber wer sich z. B. für Entwicklungen im Netz interessiert, findet dort einiges.
Ende 2007 hat StumbleUpon die Anzahl von 4.000.000 registrierten Nutzern erreicht.
Im Gegensatz zu Xing, wo es mehr um Geschäftskontakte geht, zeigt man im Facebook etwas mehr Gesicht. Sich da zurecht zu finden ist anfangs nicht ganz einfach, da die zur Verfügung stehenden Applikationen derart zahlreich sind, dass man sie erstmal finden (und in sein Profil integrieren) muss.
Mir hat ein Artikel im Datenschmutz-Blog geholfen:
Facebook: Pages erstellen, Werbekampagnen schalten
Facebook zählt derzeit 60 Millionen aktive Nutzer weltweit. Davon ist nur noch eine Minderheit von 37 Prozent in den USA beheimatet. Die Nutzer in Europa machen inzwischen ein Drittel aus. Die meisten von ihnen kommen aus Großbritannien. Das soll sich jedoch durch die Übersetzung und die Anpassung an lokale Gewohnheiten ändern. [
golem.de]
(Am 21.01.08 berichtete die Zeit: Das US-amerikanische Soziale Netzwerk Facebook startet bald mit einer deutschsprachigen Version seines Angebots. Facebook will eigene Nutzer an der Übersetzung seiner Angebote ins Deutsche beteiligen [
Link zum Artikel].
Schon vor ein paar Tagen haben deutsche Blogger berichtet, dass Facebook sie angeschrieben und zur Mitarbeit an den Übersetzungen eingeladen habe.)
Inzwischen steht die Sache und Facebook hat eine entsprechende Applikation integriert, die mehr als 10.000 unterschiedliche Sätze enthält, die von interessierten Nutzern in die gewünschte Zielsprache übersetzt werden können. Das Ergebnis kann von anderen bewertet und korrigiert werden.
Irgendwann 2006 habe ich mich bei Xing eingetragen, das damals noch OpenBC hieß. Wollte mich einfach mal umsehen, verstehen, was das überhaupt ist und wozu es nütze sein könnte; habe ich derzeit nicht auf Anhieb verstanden, trotzdem kurz ein Profil erstellt, ein paar Daten hinterlegt und die Sache dann wieder vergessen, bis mich vor kurzem eine seit 20 Jahren nicht gesehene Cousine dort gefunden und Ihren Kontakten hinzugefügt hat.
Das war damit dann auch mein erster Kontakt. Wenig später das gleiche Spiel mit einer Übersetzerkollegin; unter deren Kontakten habe ich dann weitere Kollegen gefunden und schließlich habe ich selbst angefangen, nach (mir bekannten) Netzarbeitern, Spracharbeitern bei Xing zu suchen.
Auf meiner Profilseite auf einen Blick meine Kontakte, die Kontakte meiner Kontakte und Kontakte 3. Grades, außerdem zu meinem Profil passende Angebote, Anfragen und Hinweise auf aktuelle, zu meinen Profilschlagwörtern passende Diskussionen in Diskussionsgruppen. Aktivitäten meiner Kontakte innerhalb des Netzwerks werden mir (insofern von ihnen für mich freigegeben) angezeigt, neu hinzugefügte Kontakte vorgestellt, und so ganz langsam ist mir mit diesen ersten Bewegungen auf meiner Profilseite ein Licht aufgegangen, welches Potential da drin steckt und ich bin nahe dran, in den immer lauter werdenden Chor derer einzufallen, die singen, dass in den Communities, im Networking, die Zukunft liegt.
Immer wieder mal kommt in den deutschen Übersetzer-Mailinglisten die Frage an die Kollegen: “Ich habe heute in meinem Postfach eine Einladung zu Xing, LinkedIn, usw. erhalten. Habt Ihr sowas auch schon mal bekommen? Was ist das?” Worauf dann jedesmal nicht wenige im Brustton der Überzeugung antworten: “Sowas lösche ich jedesmal unbesehen aus meinem Posteingang”. (Jau, lösch Du mal!). Gut ist auch der gute Rat: “Bloß nicht anklicken!” Übersetzungsagenturen wird das freuen, aber nicht mehr lange.
Wer im Netz langfristig und regelmäßig Aufträge sucht und zu vergeben hat, sollte sich einfach mal eintragen, seine Profildaten hinterlegen, wie er das ja bei Proz, beim Übersetzerportal (gegen Bezahlung) oder bei Babelport oder … auch tut – und die Sache dann erstmal wieder vergessen.
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Hier mein (öffentliches) Xing-Profil