Übersetzer-Blog

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Billigagenturen vs. Übersetzer

Eine Übersetzungsagentur ist kein Kunde. Sie so zu bezeichnen ist falsch.

Übersetzungsagenturen sind Zwischenhändler, Weiterverkäufer. Vermittler, die meist sorgfältig darauf achten, dass der Übersetzer mit dem Kunden nicht in Berührung kommt. Eine Frage des Übersetzers an den Kunden geht in der Regel mindestens vier mal durchs Netz, Ü an A, A an K, K an A, A an Ü, bevor die Antwort da angekommen ist, wo sie gebraucht wird.

In den meisten Fällen kennt der Übersetzer den Kunden gar nicht, der die Übersetzung, an der er arbeitet, in Auftrag gegeben hat. In den meisten Fällen haben Übersetzer keine Kunden, sind eher um ihre Rechte betrogene Angestellte, als Unternehmer.

Normzeile 45 CentsNichts Grundsätzliches gegen Übersetzungsagenturen, es gibt sicher viele gute, aber inzwischen gibt es hunderttausende ziemlich schlechter, die sich auf Kosten der Übersetzer gegenseitig das Wasser abgraben, die Netzwerbeflächen mit Ads wie dem nebenstehenden zukleistern und die Preise drücken und mit absurden Lieferfristen Kunden reißen und es zu einer von Übersetzern akzeptierten Normalität gemacht haben, ihre zu allem bereiten Lieferanten nach sechzig, neunzig oder hundertzwanzig Tagen zu bezahlen – [Übersetzungen sind Werkleistungen. Das Honorar für Werkleistungen ist bei Abnahme der Leistung fällig - siehe § 641 BGB].

Nicht wenige Übersetzungsaufträge durchlaufen Agenturschleifen von zwei oder drei Anbietern, bis sie auf dem Schreibtisch des Werktätigen landen. Gut die Hälfte des täglichen Curriculum-Spams in unserer Mailbox kommt inzwischen von Agenturen und bei den Einträgen in unser Übersetzer-Verzeichnis kommen wir mit dem Freischalten nicht mehr hinterher, seitdem auch da hinter einem großen Teil der eingetragenen URLs nicht Übersetzer, sondern zweitklassige Agenturen stecken.

Diese Agenturen haben es geschafft, einen großen Teil des Marktes zu einem Nebenverdienerinnenmarkt zu machen, weil die Übersetzer es ihnen einfach gemacht haben. Während andere Freelancer, Grafiker, Texter, Webdesigner, Programmierer, die heute ihre Leistungen über das Netz anbieten, von vornherein Zeit und Mittel investiert haben, um dort präsent zu sein, wo nach ihnen gesucht wird, hatten die Übersetzer immer die Agenturen dazwischen, mussten nichts weiter tun, als ab und an Curricula und Rechnungen versenden. Diese Passivität scheint zur Zeit vielen zum Verhängnis zu werden.

Dabei gibt es für den Kunden heute dank Internet keinen vernünftigen Grund mehr, auch noch den Zwischenhändler und seine Infrastrukturen zu bezahlen; und auch das immer wieder vorgebrachte Argument, nur Agenturen seien in der Lage, mehrsprachige Projekte zu bewältigen, stimmt nicht mal halb. Kein Unternehmen, das sich entschließt über die Grenzen zu gehen, stürmt sofort ganz Europa. Die gehen vielleicht erstmal nach Italien, wenn die Dinge da gut laufen, etwas später nach Frankreich, Spanien; um das zu managen müssen sie nicht mal eine Halbtagsstelle einrichten und bis die dann auch in Dänemark und Schweden ankommen, dauert’s ein paar Jahre, in denen man auf beiden Seiten viel gelernt hat. Der Zwischenhändler ist auch da oft völlig überflüssig.

Dass die Agenturen den Markt unter sich ausmachen, hat nur einen Grund: Sie sind präsent, auffindbar, ansprechbar – die Übersetzer nicht. Zweitklassige Agenturen beherrschen ungestört die Suchmaschinenpositionen und besetzen die AdWords-Werbeflächen, obwohl es viel einfacher und billiger ist, für ein spezielles Angebot präsent zu sein (eine Sprachkombination, gegebenenfalls mit Spezialisierung), als für ein allgemeines (“alle Sprachen, alle Fachgebiete”).

Möglichkeiten gibt es jede Menge. Im gerade erschienen Infoblatt 2/11 des ADÜ Nord [pdf] gibt es eine sehr gute Einführung in Google AdWords als Marketingtool für Sprachmittler der Übersetzerin und Betriebswirtin Margit Sies-Gurel, die erklärt, wie man mit Google AdWords auch mit einem kleinen Budget Kunden effektiv ansprechen kann. Nachhaltiger als bezahlte Werbekampagnen, aber natürlich auch aufwändiger und langsamer, ist das Betreiben von dynamischen, den Webstandards und den Google-Richtlinien entsprechenden Websites, die unter den organischen Suchmaschinenergebnissen gefunden werden können.

In den letzten Jahren ist zum Suchmaschinenmarketing das Social Media Marketing gekommen. Gegen Facebook kann man sagen, was man will und Recht damit haben, Tatsache ist: Facebook ist gerade dabei, vom sozialen Netz zu einem Markt – manche scherzen, zum Internet selbst – zu werden. Übersetzer aus dem deutschsprachigen Raum haben sich in den letzten zwei Jahren zu Tausenden dort angemeldet, beschränken sich aber fast ausschließlich darauf, Statusmeldungen zur eigenen Befindlichkeit, YouTube-Videos, Kochrezepte und Fotos ihrer Haustiere auszutauschen. Das ist sicher sehr angenehm und wichtig und hat unsere einsamen Arbeitsplätze zu virtuellen Großraumbüros gemacht, aber…

Gezielte Werbekampagnen auf Facebook zu schalten ist momentan noch ziemlich preisgünstig. Mit 20 – 25 Euro im Monat kann man schon einiges erreichen. Trotzdem scheinen die Übersetzer auch dieses Feld den Billigagenturen zu überlassen, die die Anzeigenspalten der FB-Pages und -Profile schon wieder genauso ungestört als erste und einzige besetzen, wie vorher die Werbeflächen von Google AdWords.

Effektive Netzpräsenz für ein Produkt oder einen Service zu erarbeiten, ist ein jahrelanger Weg, wenn man mit einem Freelancer-Budget unterwegs ist – möglicherweise akquiriert man nur einen Neukunden im ersten Jahr, im zweiten Jahr drei, im dritten Jahr wieder drei, wobei aber einer aus dem zweiten Jahr wiederkommt… – und wenn man 10 bis 15% seiner Zeit in das Vermarkten seines Angebots steckt, kann man natürlich keine 2.000 Zeilen pro Woche mehr fressen. Aber Kunden zahlen einem Übersetzer, dem sie vertrauen, gerne das Vier- und Fünffache dessen, was eine mit einem Zeilenpreis von 0,45 Euro werbende Agentur ihren Übersetzern bezahlt.

Bleibt also fast zu wünschen, dass der absurde Preiskampf der Billigagenturen so schnell wie möglich zu einer 3, zu einer 2 an der ersten Stelle nach dem Komma führt. Soll ja andernorts bereits an der Tagesordnung sein.

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