Adatrad-Blog

Jede Menge vernünftiger Content

Lob der Maschinenübersetzung

Übersetzer lachen sich gerne und verdammt oft tot darüber und posten weltweit täglich tausend mal den typischen Salat, den Übersetzungsmaschinen als Zieltext von sich geben, auf ihren Facebook-Profilen und -Pages, produzieren dort meterlange Kommentarschlangen, die sich vor allem durch die völlige Ahnungslosigkeit gegenüber Zusammenhängen auszeichnen, die über den eigenen Schreibtischrand hinausgehen.

Ich gebe seit Jahren sporadisch den Projektmanager (suchmaschinenoptimierte Übersetzungen aus DE in 30 Sprachen) für einen internationalen Onlineshop, der seine Produkte (aktuell ca. 2.000) in 310 Ländern verkauft.

Kleine Kalkulation mit großen runden Zahlen: 2.000 Produkte, für jedes einzelne setzen wir mal extrem niedrig 20 Zeilen zu übersetzenden Beschreibungstext an, lassen Shop-Kategorien, Formulare, Geschäftsbedingungen und anderes Rechtszeug der Einfachheit halber außen vor und kommen also auf 40.000 Zeilen Text pro Sprache, bei 30 Sprachen also 1,2 Millionen Zeilen, deren Übersetzung für 1,00 Euro/Zeile (nur um bei den runden Zahlen zu bleiben) eingekauft werden muss.

Wieviel Startkapital das Unternehmen aufbringen müsste, wenn schon allein für die Übersetzungen mehr als eine Million Euro benötigt wird, müssen wir gar nicht ausrechnen, denn wer die Kohle in der Sache macht, ist schon klar. Der, der sie sowie schon hat. Wie immer.

Oder besser: Wie gestern immer, aber heute, ausgerechnet dank Maschinenübersetzungen, nicht mehr immer. Kapital ist in diesem Fall gar nicht erforderlich, jedenfalls nicht in einem nicht aufzubringenden Umfang; es reicht die Geschäftsidee und das Knowhow und die Energie, die Sache anzugehen, um die Kohle selbst zu verdienen und nicht den Aktionären zu überlassen.

Die Betreiber des Shops haben zuerst eine deutsche Website ins Netz gestellt, danach Maschinenübersetzungen in 30 Sprachen anfertigen lassen oder sogar selbst angefertigt und die Produkte natürlich den Kaufanfragen entsprechend bestellt (so brauchen sie nicht mal ein Lager) und sofort angefangen weltweit zu verkaufen.

Erst von dem vorher durch den Verkauf eingenommenen Geld wird ein Teil für das Ersetzen der ursprünglichen Maschinenübersetzungen durch professionelle Übersetzungen der Beschreibungstexte der am besten performenden verkaufenden Produkte in Auftrag gegeben.

An die 100.000 Zeilen wurden in den letzten Jahren von Profis übersetzt. Die Übersetzungen der Texte für neu einzupflegende Produkte werden in den sieben am besten verkaufenden Sprachen inzwischen von vornherein erstellt. Da das Geld bereits verdient und schon vorher für die aktuellen Übersetzungen bereitgestellt wurde, erfolgt die Bezahlung der Rechnungen mehr oder weniger sofort bei Eingang. Hier sitzen in der Regel auch die Leute, die nah genug an den Vorgängen dran und schlau genug sind, sich direkt an den Übersetzer zu wenden (die Sekretärin des Einkaufschefs geht zu Tolingo ← lesenswert!).

Ohne Maschinenübersetzungen würde es diese Aufträge nicht geben. Also hört endlich auf, Euch über den Senf, den sie ausspucken totzulachen oder aufzuregen, sondern macht Euch diese Konstellation zu Nutze, denn inzwischen ist dieses Geschäftsmodell – tausende von Facebook-Posts belegen es – gang und gäbe, oder zumindest dabei, es sehr schnell zu werden.

Ab heute, dieses ist der erste, erscheinen die Beiträge im Adatrad-Blog auch auf einer eigens dafür eingerichteten Facebook-Page, ich muss noch ein bisschen rumbasteln, habe aber schon einen Frosch; ohne Frösche geht ja gar nichts mehr heute, aber das habt Ihr sicher auch wieder nicht mitgekriegt.


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