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Übersetzung Italienisch Billig

spacer Ein Wort zu Billiganbietern von Übersetzungen vorab…

Über den mechanischen Übersetzungstürken Tolingo habe ich ja schon mehrfach geschrieben, kürzlich auch das Handelsblatt: “75 Prozent der Übersetzer in Deutschland sind Freelancer, die sich bisher in Eigenregie um ihre Aufträge kümmern mussten. Das ist nun anders: Tolingo liefert ihnen ihre Jobs frei Haus”, ist dort zu lesen. Das ist natürlich, wie so ziemlich alles in dem dort veröffentlichten Artikelchen, völliger Blödsinn: Bis auf einen verschwindend geringen Teil kriegen freiberufliche Übersetzer ihre Aufträge schon immer fast ausschließlich von Agenturen frei Haus geliefert. Wenn das nicht so wäre, würde es Tolingo gar nicht geben.

Genauso blödsinnig ist das Gefasel von neuen Wegen und Konzepten Tolingos (“Die Übersetzerbranche geht online”): Die Automatisierung, nicht nur der internen Abläufe, sondern auch der Auftragsabwicklung selbst, ist weder neu noch einmalig. In den Kommentaren zu den eingangs verlinkten früheren Posts über Tolingo haben sich diverse Agenturen gemeldet, die schon seit Jahren mit der gleichen technischen Ausrüstung ihre Dienstleistungen anbieten. Mehr als ein paar Javascripts und ein bisschen PHP sind nicht erforderlich, um einen Text online einzulesen und unter Berücksichtigung einiger vom Nutzer angegebener und/oder voreingestellter Parameter die Kosten für dessen Übertragung in eine andere Sprache zu berechnen und nach ein paar Sekunden auszuspucken. Das einzig Neue an Tolingo ist das aggressive online-Marketing, das allwöchentliche Bombardement aller möglichen Plattformen und Portale mit Pressemeldungen, die seit mehr als zwei Jahren unermüdlich die Geschichte von der Revolutionierung der Übersetzungsbranche verkaufen, der auch das Handelsblatt aufgesessen ist.

uebersetzer-gesuchtWer die Kosten für die Optimierungskampagne für die organischen Suchergebnisse, für Linkkauf und AdWords-Werbung für alle erdenklichen Sprachkombinationen (siehe Screenshot links vom 22.08.2010, Suchabfrage Übersetzung Italienisch) einigermaßen einschätzen kann, weiß sowieso, dass da nicht mehr als 50% für den Übersetzer übrigbleiben können, der sich diese 50% allerdings noch mit einem Lektor teilen muss – jaja, die Legende vom Lektorieren… – deshalb machen die Tolingos da auch gar kein Geheimnis draus: “Gut 50 Prozent des Honorars für die Übersetzungsarbeit – von der SMS einer Spanierin an ihren Geliebten für 5,95 Euro bis zum Handbuch eines Exportunternehmens für 15.000 Euro – teilen sich Übersetzer und Korrektor”. Das wären, wenn Tolingo hält, was es in seinen AdWords-Anzeigen verspricht, 2 Cents pro Wort für hochqualifizierte Übersetzungen aus dem Italienischen ins Deutsche.

Laut Handelsblatt haben sich bereits 2.500 Übersetzer mit den paar Cents einverstanden und bereit erkärt, die online-Kampagnen und das “Loft in Hamburg Altona” zu finanzieren, wobei ich davon ausgehe, dass SMS-Nachrichten, Lebensläufe und andere Kleinstaufträge von Privaten, die selbstverständlich ohne Minimumpauschale abgewickelt werden, eher die Regel sind, als 15.000 Euro schwere Übersetzungen technischer Dokumentationen – den Produktmanager möchte ich sehen, der ohne den direkten Kontakt und das persönliche Verhältnis zum Auftragnehmer zu suchen, einen 15.000 Euro-Auftrag vergibt. Mal sehen, wie es weiterläuft. Ob man auf unserem inzwischen extrem engen Markt langfristig ein Bein an die Erde kriegt oder nicht, entscheidet ja nicht die Anzahl der Erstkunden, sondern die Anzahl derer, die wiederkommen. In zwei drei Jahren wissen wir’s.

Ich habe gar nichts gegen die Firma Tolingo, im Gegenteil: Das Guerilla-Marketing mit dem Slogan “Übersetzungen 2.0” beeindruckt mich sogar, das gebe ich gerne zu. Ich habe auch gar nichts gegen Übersetzer, die Aufträge für 2 Cents/Wort annehmen; bevor ich alten Frauen die Handtaschen klaue oder Harz IV beantrage, würde ich auch das tun (möglicherweise tun Tolingo-Übersetzer beides…) – und dem Handelsblatt kann ich nur ein gutgelauntes “Prost, Ihr Pappnasen” senden.

In der größten deutschsprachigen Übersetzer-Mailinglist (1.500+ Mitglieder) äußerte eine Handvoll Kollegen kürzlich ihren Unmut über die ihnen von Tolingo angebotenen Preise und Konditionen, die anderen (irgendwo müssen die 2.500 Tolingo-Übersetzer ja herkommen) haben lieber den Mund gehalten. Ein offenbar ebenfalls ziemlich gutgelaunter Kollege, der hier nicht genannt werden möchte, hat die Sache auf die Schulter genommen, auf die man solche Sachen nur nehmen kann und mir erlaubt, nachfolgenden, in die Liste gesandten “Leserbrief ohne Aussicht auf Veröffentlichung” hier zu publizieren. Wer sich bis jetzt noch nicht totgelacht hat, hat hier noch einmal Gelegenheit dazu:

“Liebes Handelsblatt!

Vielen Dank für Ihren äußerst interessanten Artikel. Wir sind von der Geschäftsidee so begeistert, dass wir daran denken, einen ähnlichen Dienst für Zeitungsverlage und Journalisten einzurichten.

Wir – eine Sekretärin, eine ausgebildete Krankenschwester und ein Theologiestudent – haben zwar ebenso wenige Kenntnisse auf dem Gebiet des Journalismus wie die Betreiber von Tolingo vom Übersetzen, aber Fachkenntnisse sind ja auch gar nicht erforderlich, wie der Erfolg der genannten Firma zeigt.

Ich möchte Ihnen an einem Beispiel kurz schildern, wie wir uns die Funktionsweise vorstellen: Ein Zeitungsverlag braucht einen Bericht über die Eröffnung einer Kunstausstellung oder den Amtsantritt des neuen Bürgermeisters. Dieser Verlag kann diesen Auftrag dann bei uns ausschreiben, und die Journalisten können sich darum bewerben.

Wir wollen aber noch darüber hinaus gehen und das Ganze in Form einer Versteigerung durchführen. Die registrierten Journalisten erhalten eine Mitteilung über einen neu ausgeschriebenen Auftrag und besuchen die virtuelle Versteigerung auf unserer Homepage. Dort beginnt eine Uhr bei 0 Euro zu ticken, wobei der angezeigte Preis allmählich zunimmt – also umgekehrt wie bei einer holländischen Blumenversteigerung. Ist der Zeiger dann z.B. bei 35 Euro angekommen und damit der Auftrag für einen der teilnehmenden Journalisten interessant geworden (z.B. weil die Kunstausstellung gleich bei ihm um die Ecke ist), dann kann er “zuklicken”, um den Auftrag zu erhalten (17,50 Euro für den Journalisten, 17,50 Euro für unsere Firma).*

Wir möchten uns nochmals recht herzlich für diesen Artikel und die darin geschilderte tolle Geschäftsidee bedanken!”

* Ich hab so den Verdacht, der Handelsblattartikel könnte genauso zustande gekommen sein.


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