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Guido Westerwelle reloaded

Ein Beitrag von Mario Nowak

Pfiffig anpacken

Guido Westerwelle hat sich auf seiner ersten Pressekonferenz als designierter neuer Außenminister der Bundesrepublik Deutschland geweigert, einem BBC-Reporter auf Englisch zu antworten. So weit, so unspektakulär. Was danach geschah, folgte nur der üblichen Dynamik in solchen Fällen: Der politische Gegner echauffierte sich, der Boulevard jubelte, die “Bild” stampfte flugs eine Online-Umfrage aus dem Boden, ob Westerwelle auf seinen Pressekonferenzen Deutsch sprechen dürfe, bei der – wenig überraschend – eine Dreiviertelmehrheit zustimmend votierte. Einen Tag später war der Spuk allerdings auch schon wieder vorbei. Die Videos bei YouTube waren von der Startseite verschwunden, weder “Tagesschau” noch “heute” berichteten mehr darüber, sowieso nicht Sender wie RTL2, wo die so genannten “Nachrichten” ohnehin oft nur die Fortsetzung der Werbung mit anderen Mitteln sind. Auch die “Bild” hatte sich längst wieder anderen Themen zugewandt, zum Beispiel den “Sexy Fashion Weeks” und der Frage, in welchem Outfit Michelle Hunziker wohl “Wetten dass …?” moderieren wird. In Bezug auf Westerwelle stellt sich das Blatt derweil die Frage, ob er nicht einen guten “Superminister” abgäbe.

Da er es nicht getan hat, wird sich letztlich nicht klären lassen, ob und wie gut Westerwelle auf der Pressekonferenz hätte auf Englisch antworten können. Auf den einschlägigen Plattformen kursierte vor der Bundestagswahl 2009 ein Video, das zumindest den Schluss nahe legt, er habe in Sachen Englischkenntnisse durchaus noch Spielraum nach oben. Allerdings soll dieses Video einige Jahre alt sein und Westerwelle hinzugelernt haben. Man muss jedoch kein Prophet sein, um zu ahnen, dass beides – das alte Video mit dem sich sichtlich und hörbar schwer tuenden Westerwelle und das neue mit seinem Auftritt bei der Pressekonferenz – miteinander verquickt werden wird. Verquickungen der ganz üblen Art lassen sich zudem erkennen, wenn man sich einmal ein paar Kommentare zu Westerwelles Pressekonferenz im Onlineangebot der Bild-Zeitung ansieht. »Wird in Moscheen, die sich auf deutschen Boden befinden, auch Deutsch gesprochen?«, heißt es da, oder: »In Deutschland hat man deutsch zu sprechen, noch dazu bei solchen Auftritten wie es hier der Fall war, wem das nicht gefällt, braucht nicht hierher zu kommen, fertig.« Oder: »Kein Haßprediger [sic] soll sich hinter seiner türkischen oder arabischen Sprache verstecken …«

Ebenfalls nicht klären lassen wird sich, ob der BBC-Reporter als Stein des Anstoßes tatsächlich kein Deutsch konnte, ob er eine Dolmetscherin an seiner Seite hatte, ob er Westerwelle nur auf den Zahn fühlen wollte und was sich die BBC im Zweifelsfalle dabei gedacht hat, einen Vertreter ohne Deutschkenntnisse auf diese PK zu schicken. Fakt ist lediglich, dass sich eine Dame erboten hat, Westerwelles Antwort zu übersetzen. Gewertet wird der Auftritt des FDP-Politikers allgemein jedenfalls höchst unterschiedlich. “Bild” stuft Westerwelles Reaktion erwartungsgemäß als “höflich” ein, der “Independent” sieht das naturgemäß anders und breitet als Retourkutsche genüsslich noch einmal Westerwelles Zeiten als “Spaßpolitiker” mit “Guidomobil” und Gastauftritten bei “Big Brother” aus. Kommentator Philip Hensher wiederum hält im selben Blatt dagegen: “Dr Westerwelle was perfectly within his rights to tick off the reporter.” In den diversen Übersetzer-Foren im Netz wurde der Auftritt des BBC-Reporters wahlweise als “höflich” oder “nassforsch” gewertet. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wollte die BBC jedoch einfach nur einen O-Ton Westerwelles auf Englisch haben, der keiner weiteren Bearbeitung mit einem Begleitkommentar aus dem Off bedurfte. Ihr Pech war, dass auf der PK anscheinend sonst so wenig los war und so wenig gesagt wurde, dass eine Marginalie plötzlich Nachrichtenwert hatte. Denn völlig losgelöst von der kurzfristig alles überlagernden Episode mit dem BBC-Reporter sollen auch deutsche Journalisten ganz allgemein eine gewisse Inhaltsleere auf der bewussten Pressekonferenz moniert haben. Phoenix-Moderator Gerd-Joachim von Fallois wird mit den Worten zitiert: “Wir Journalisten sind ja nicht freiwillig hierher gelaufen, sondern von der FDP eingeladen worden. Wenn Herr Westerwelle aber keine Fragen beantworten will, hätte man sich das auch sparen können.”

Ein Ruhmesblatt war Guido Westerwelles Auftritt also ohnehin nicht unbedingt. Souverän wäre es von ihm gewesen, wenn er sich gegenüber dem BBC-Reporter gar nicht erst in Erklärungen und Rechtfertigungen des Kalibers “Dies ist Deutschland” ergangen hätte. Ein kurzes: “Ich würde es vorziehen, Ihre Frage auf Deutsch zu beantworten – haben Sie einen Dolmetscher dabei?” hätte es auch getan. Noch besser wäre es gewesen, er hätte sich vorab über die akkreditierten Journalisten informiert und entsprechend für Dolmetscher gesorgt. Dass er es am Tag darauf für nötig hielt, ungefragt darauf hinzuweisen, die Präsidiumssitzung der FDP habe “ausschließlich in deutscher Sprache” stattgefunden, macht die Sache auch nicht besser. Wer Westerwelle nicht mag und ohnehin noch nie mochte, stürzt sich jetzt auf diese Lappalie. Natürlich stünde es einem Außenminister in spe gut zu Gesicht, wenn er Englisch sprechen könnte – und am besten natürlich auch noch Französisch, Spanisch, Arabisch, Russisch und Mandarin. Aber nicht vorhandene oder nur mittelprächtige Fremdsprachenkenntnisse machen Westerwelle im Umkehrschluss nicht zwangsläufig zu einer schlechten Besetzung für das Außenamt. Er sollte nur gegebenenfalls der Versuchung widerstehen, künftig mit Macht seine Englischkenntnisse unter Beweis stellen zu wollen. Für Sprachmittlung gibt es schließlich Dolmetscher(innen) und Übersetzer(innen), die etwas von ihrem Fach verstehen.

Dass sich einzelne Medien der angeblichen »Englischfalle« widmen würden, in die Westerwelle getappt sein soll, obwohl er ja gar nicht Englisch gesprochen hat, war eigentlich auch vorher schon klar. Der Grund dafür ist ein ganz einfacher: Es ist so herrlich trivial. Man muss dafür praktisch nichts recherchieren, man muss niemanden interviewen, man muss keine Ortstermine wahrnehmen. Man muss einfach nur die im kollektiven Gedächtnis verankerten alten Anekdoten von Helmut Kohls angeblichem “You can say you to me” (das er nie gesagt hat) und Heinrich Lübkes wörtlichen Übersetzungen (zu denen auch viel hinzugedichtet wurde) herauskramen. Gegenbeispiele fallen dabei gemeinhin unter den Tisch. Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hat einst seinen Sprachmittler mitten im Einsatz von seinen Aufgaben entbunden, weil er merkte, dass dieser Mumpitz dolmetschte. Satt dessen werden die Sprach-Histörchen gern mal mit einer Prise Europa-Skeptizismus garniert. Englisch habe Deutsch in der EU den Rang abgelaufen, heißt es da etwa, und die “Bild” stellt gar die unhaltbare Behauptung auf: “Hierzulande wird immer mehr Englisch statt Deutsch gesprochen”. Tatsächlich rangierte Deutsch als Arbeitssprache in der Europäischen Union noch nie vor Englisch und Französisch, übersetzt und gedolmetscht hingegen wird jede Amtssprache der Mitgliedstaaten immer gleichberechtigt. Dennoch wurden durch die Berichterstattung über Westerwelles Pressekonferenz letztlich nur hüben wie drüben Ressentiments geschürt. Insofern ist es gut, dass sich der Sturm im Wasserglas schnell wieder gelegt hat.

guido-westerwelle-lost-in-translationIch selbst habe mal einen Artikel über den “Starr Report” zur Lewinsky-Affäre um Bill Clinton geschrieben. Zur Erinnerung: Der Untersuchungsbericht war knapp 450 Seiten stark und doch binnen weniger Tage in gleich mehrere Sprachen “übersetzt”, weil er durch eine Maschine gejagt worden war. Entsprechend belustigend waren die Ergebnisse. Da der Bericht öffentlich war, konnte ich problemlos vom heimischen Schreibtisch aus ein paar besonders anschauliche Stellen kopieren und einen kleinen Artikel darüber schreiben. Aber selbst im Studentenstädtchen Germersheim mit all seinen Sprachmittlerinnen und Sprachmittlern hat das damals keinen Hund hinterm Ofen hervorgelockt. Auch jetzt, wage ich mal zu behaupten, wird das nicht anders sein, wenn es nicht pfiffig angepackt wird. Wie das aussehen könnte, hat Richard Schneider auf uepo.de vorgemacht. Eine weitere Möglichkeit wäre vielleicht, das Westerwelle-Video nach den ersten Passagen mit einem augenzwinkernd vorgetragenen Off-Text zu belegen (“Sparen Sie sich Diskussionen. Engagieren Sie Dolmetscher.”). Das bleibt haften, ist zeitgemäß und birgt zudem nicht die Gefahr, mit den Negativaspekten dieser Episode assoziiert zu werden.

Mario Nowak


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