Habe mich hier ja kürzlich schon über das gewundert, was die Kollegen so in Sachen Preisentwicklung/Preispolitik zum Besten geben. In einer der größeren deutschen Übersetzer-Mailinglists, in der das Thema letztes Jahr diskutiert wurde, erklärte mir ein aufgebrachter Kollege, dass das Gefasel vom Preisverfall blanker Unsinn sei und die Busfahrkarten ja auch nicht billiger würden.
Prost, Herr Kollege! Ich bin nicht verbeamtet, fliege aber für 20,- Euro zwischen Deutschland und Rom hin und her. (Können Sie mir folgen? Von der Busfahrkarte zum Flugticket?)
Und weil ich eben nicht verbeamtet bin, landen immer öfter Nachrichten, wie die nachfolgend zitierten, in meiner Mailbox. Heute gleich zweimal:
Antwort auf ein Angebot für die Übersetzung einer Broschüre aus dem Deutschen ins Italienische, Tourismus, Deutschland – 1,50 Euro/Normzeile (55 Zeichen)
Vielen Dank für die zügige Bearbeitung meines Wunsches!
Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ein Konkurrent ein wesentlich günstigeres Angebot gemacht hat.
Antwort auf ein Angebot für die Übersetzung einer Produktpräsentation aus dem Deutschen ins Italienische, Chemische Industrie, Schweiz – 1,70 Euro/Normzeile (55 Zeichen)
Guten Tag,
besten Dank für die Zustellung Ihres Angebotes. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns aus Preisgründen für einen anderen Übersetzer entschieden haben. Werde Sie jedoch gerne bei einem anderen Projekt wieder anfragen.
Für Ihr Verständnis danke ich Ihnen und grüsse Sie freundlich.
Naja, was soll’s. In der Regel hab ich sowieso was besseres zu tun, als zu arbeiten: Follow me on Twitter!
Heute hat sich eine Agentur in unserem Übersetzerverzeichnis vorgestellt, die mit einem Zeilenpreis ab 0,25 Euro wirbt. Der Eintrag ist so lustig, dass ich ihn genehmigt habe.
Übrigens, die suchen noch Freelancer. Vielleicht ist ja jemand interessiert, allerdings – und das betonen sie ausdrücklich – sie verlangen viel von ihren Übersetzern.
Prost!

Ich bin eigentlich nicht gerade fixiert auf das Thema Preise, Geld, usw., aber in letzter Zeit passiert in der Hinsicht doch so einiges, das mir zu denken gibt
Preiskampf in der Übersetzungsbranche; daher hier der vierte Beitrag in Folge zur Sache.
Wenn ich eine Anfrage für eine Übersetzung (1000+ Normzeilen) erhalte, rufe ich sofort da an. Meist hat man es (in unserem Bereich: Technische Dokumentation) mit einem Produktmanager/Vertriebsleiter zu tun, der seine Bemühungen natürlich auch erfolgreich zu Ende bringen möchte und alles eine Etage höher erstmal absegnen lassen muss. Gemeinsame Ziele zu haben ist bekanntlich eine ziemlich gute Ausgangsbasis für echte Zusammenarbeit, und die beginnt man am besten am Telefon. Im persönlichen Gespräch kann man jemandem auch ganz gut klar machen, was er für sein Geld bekommt, dass es übel ausgehen kann, wenn man sich auf Billiganbieter einlässt, … und wenn der erstmal überzeugt ist, dann wird er auch in der Etage darüber entsprechende Überzeugungsarbeit leisten, bevor er sich nach Alternativangeboten umsieht. Wer einfach nur eine Zahl auf dem Tisch hat, der will, wenn sie ihm hoch erscheint, noch eine zweite und entscheidet sich ziemlich wahrscheinlich für die niedrigere.
Meine Standarderöffnung: “Ich möchte natürlich ein Angebot erstellen, dass für Sie auch annehmbar ist”. Mein Standardschlusssatz: “Okay, dann schicke ich Ihnen das mal so, ich hab’s schon vorbereitet, muss nur noch auf ‘Senden’ klicken. Bis dann.”
Meine Konversionrate ist, seitdem ich es auf die Tour angehe, dramatisch gestiegen
Anfang Dezember haben wir hier eine kleine Umfrage im Zusammenhang mit aufgrund der Finanzkrise unter dem Vorwand der Finanzkrise um Preisermäßigungen bittenden Agenturen veranstaltet. Die gleiche Umfrage haben wir auch in unserem italienischen Übersetzerforum durchgeführt.
Die Teilnahme war zwar ziemlich zurückhaltend – insgesamt wurden 170 Stimmen abgegeben (obwohl die entsprechenden Unterseiten über 2000 mal besucht wurden; komisch, wär doch nur ein Klick gewesen) – die Haltung der Kollegen, sowohl in Deutschland, als auch in Italien, ist jedoch eindeutig.
96% sagten “Nein, ich bleibe bei meinen Preisen”, nur 4% wären bereit, der Agentur entgegen zu kommen.
Wir haben den Agenturen, die sich mit der Bitte 2009 einen geringeren Zeilenpreis zu akzeptieren an uns gewandt haben, abgesagt. Der Grund: Weil wir es uns leisten können.
Wir wissen aber auch, dass die große Mehrheit insbesondere der jüngeren Kollegen, deren Bewerbungen jeden Tag in unserer Mailbox landen, sich das absolut nicht leisten kann und nicht leisten wird. Ich gehe davon aus, dass sich bei dieser Umfrage und in den Kommentaren dazu nur diejenigen zu Wort gemeldet haben, die es sich ebenfalls leisten können.
Eine andere Erklärung habe ich für das Umfrageergebnis angesichts der Marktentwicklung in den letzten 2 Jahren nicht. Man muss sich ja nur mal mit für das eigene Angebot relevanten Suchphrasen umtun und die geschalteten AdWords-Kampagnen ansehen…
2008 haben wir von direkten (Neu-)Kunden aus Deutschland, der Schweiz, Österreich (Aufträge aus Italien kommen für uns schon seit einigen Jahren nicht mehr in Frage), nur ca. 20% der Aufträge erhalten, für die ein Angebot angefordert wurde. 2007 waren es noch 40%. Sicher ist diese Entwicklung insbesondere in unserem Bereich (technische Dokumentationen) besonders ausgeprägt, in dem viele Aufträge von mittelständischen und inzwischen sogar kleinen Unternehmen kommen, die auf den europäischen Markt drängen, denn für einen kleinen Software- oder Gerätehersteller, der in Italien verkaufen will, ist es natürlich ein Unterschied, ob er die allfälligen Übersetzungen seiner Dokumentationen ins Italienische für 5.000 oder für 4.000 Euro erhält.
Wir sind der Auffassung, dass man die gegenwärtige Entwicklung nicht einfach ignorieren kann und haben uns entschieden, unsere Preise für Agenturen 2009 nicht zu erhöhen. Vereinbarte Agenturpreise zu senken kommt für uns nicht in Frage.
Bei direkten Kunden verhält es sich anders, jeder direkte Kunde ist ein Einzelfall, da kann man immer reden. Wer um Entgegenkommen bittet, ist meist auch selbst bereit, entgegen zu kommen und wenn man ein besser vorbereitetes Originaldokument, eine Zahlungsfrist von 10 Tagen und eine Anzahlung aushandeln kann, kann man sich natürlich bewegen, außerdem: Man macht sich Freunde; die meisten kommen wieder und eine langfristige, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einem direkten Kunden ist was wert.
Weiterführende Links:
globalwatchtower.com: Economic Crisis? Some LSPs Ask “What Crisis?”
aldrige.de: Feeling the economy